LESEPROBE


 

„Die Kannibalen von Acuario“:

Omm backa dumba, omm backa dumba, omm backa dumba, so klingen die Trommeln des Wakiki-Stammes hinaus in die windstille Nacht über der kleinen Insel Acuario.

Ein seltsamer Duft zieht durch den Palmenhain, eine Mischung aus Meeressalz, ranzigem Rum, verbranntem Fett, Schweiß und Blut. Lendengeschurzte Männer wiegen ihre glänzenden, nackten Oberkörper wie in Ekstase, pralle Frauen stampfen im Takt, omm backa dumba, ihre Brüste wippen beharrlich, ihre Blicke zeugen von Trance und Phlegma, von Trunkenheit und Rausch. Münder glänzen fettverschmiert, Knochenketten klappern an knorrigen Körpern. Ein Feuer aus geborstenen Schiffsplanken ist beinahe niedergebrannt, nackte Kinder, an letzten Knochen knabbernd, sitzen an den Korallenbänken und werfen mit kleinen Steinchen nach dem großen, gelben Mond, der sich im stillenWasser spiegelt ...


 

"Das Glück des Monsieur Flamboyant":

... Der königliche Sébastien Le Prestre de Vauban nahm Monsieur Flamboyant unmittelbar nachdem er die Gemeinde nochmals an das Steuernzahlen erinnert und sie sodann aus der Kirche entlassen hatte, still zur Seite. "Er kennt die Gepflogenheiten?", fragte er, und nachdem Monsieur Flamboyant energisch mit dem Kopf geschüttelt hatte, geruhte der gnädige Herr, die Prozedur zu erklären, so, wie sein König sie in einem Erlass beschrieben und festgelegt hatte. "Es wird dem Delinquenten von des Scharfrichters Knechten, also den beiden Gendarmen, und Ihnen, mein Lieber, erstens mit einem großen, dazu bereiteten Messer die Brust gleich herunter von vorn aufgeschnitten, die Rippen herumgebrochen und herumgelegt, sodann das Eingeweide samt dem Herzen, Lunge und Leber, auch alles, was im Leibe ist, herausgenommen und in die Erde verscharrt, anbei wohl dem armen Sünder vorher aufs Maul geschmissen. Nach diesem wird derselbe auf einem Tisch, Bank oder Klotz gelegt, und ihm mit einem besonderen Beil zunächst der Kopf abgeschlagen, nach diesem aber der Leib durch eben dieses Beil in vier Teile zerhauen, welche sämtlich, neben dem Kopfe an den Straßen aufgenagelt werden. Hat er das verstanden? Ich sehe", sagte der Bauherr und Gesandte seiner Majestät, "er hat." Und er ergänzte: "Im Fall des Falles erhält der Scharfrichter, also Sie, drei Deniers. Das ist", sagte er, "nicht viel, aber für drei, vier kurze Hiebe mit dem scharfen Beil allemal genug." Stunden später war er mit seinem Schiff wieder unterwegs, getrieben von einem frischen Westwind, der die weißen Segel der königlichen Barke majestätisch zu voller Größe aufblies, zurück zu seinem König oder wohinauch immer.

Nur langsam beruhigte sich das Leben auf der Ile d' Quessant, und nicht nur Monsieur Flamboyant betete mehr oder weniger täglich, dass der bereitgestellte Klotz im neuen Verschlag hinter dem Friedhof und die schwere Axt niemals gebraucht würden. Zugleich aber machten immer neue Gerüchte um jenen Piraten die Runde, von dem schon der königliche Gesandte gesprochen hatte. Die Fischer brachten vom Brester Marktplatz ständig neue Gerüchte, und im einzigen Gasthaus der Insel, dem des einäugigen Claude Corbusier, genannt: Das Gasthaus zum hinkenden Steuermann, lief über den hitzigen Debatten über Seeräuber, Steuern und abzuschlagende Köpfe so manche Flasche Rum in raue Kehlen, immer hinein in die Fischerköpfe, die, da waren sich alle einig, wenn man es ganz genau genommen hätte mit den kleinen und größeren Vergehen eines jeden einzelnen von ihnen, allesamt abgeschlagen gehörten, und zerstückelt und öffentlich aufgenagelt die ganzen Körperreste ...

 

 

"Nuraghische Geister":

Eine drohend aufgerichtete Gottesanbeterin bewachte den roten Granitfelsen, unter dem der rostige, verbogene Schlüssel zum Tor jener Ruinelag, die oben am Hang der Spirito di montagna zu kleben schien, und die über und über von Geckos bewohnt war; Geckos, die in jeder Größe an den Wänden und Deckenresten hingen, hungrig, geduldig auf der Lauer nach Mücken und Schmeißfliegen, die ihrerseits in den immer kühler werdenden Nächten in dem alten Gemäuer eine halbwegs geschützte Zuflucht suchten. Während der Mond müde durch die Löcher im Dach schielte, kreischten in den Zyklamen und Myrtensträuchern der Macchia die Zikaden zu hunderten, vielleicht zu tausenden, wilde Schweine durchstöberten grunzend den Hang auf der Suche nach Eicheln und anderen Leckerbissen. Das Schäumen der Gischt und das Krachen der Meereswogen, die sich tobend an den nahen Strandfelsen brachen, wurden nur übertönt vom jaulenden Sturm, der ohne Hindernis durch die toten Fensteröffnungen jammerte und in den Winkeln der Ruine von Ecke zu Ecke wirbelte, um sich schließlich, staubgeschwängert, in immer enger werdenden Spiralen, doch zur Ruhe zu legen.

Auf dem steilen Saumpfad, der versteckt zwischen einem schier undurchdringlichen Feld von Kreuzdorn und Mastixgebüsch zu dem alten Gemäuer führte, schnaufte eine dunkle Gestalt bergan. Es war Giovanni, der Besitzer des Steinhauses; jener hasenschartige Giovanni, der die Ruine von seinem Bruder Lorenzo geerbt hatten, nachdem er ihn hier, zwischen Dornen und Zikaden, zwischen Gottesanbeterinnen und wilden Schweinen in dunkler Nacht erschlagen und den Steilhang hinabgeworfen hatte. Lorenzo, der hinter Giovannis Geheimnis gekommen war. Den keiner vermisste. Der einfach weg blieb. So blieb Giovanni unbehelligt, Giovanni, den alle im Dorf nur Don nannten.

Er hetzte zur Ruine, nicht Tod und Teufel fürchtend, mit entschlossenen, starren Blicken die wenigen sichtbaren Meter Weges absuchend, damit sich ihm ja kein Hindernis in den Weg stelle; und als ein Wildschweinjunges seinen Weg kreuzte, war es die Sache eines Augenblicks, das Vieh mit einem scharfen Fußtritt den Steilhang hinabzubefördern, so, wie er es schon mit seinem Bruder Lorenzo getan hatte, damals, als er in der Finsternis überraschend an eben jener Stelle erschienen war. Das heißere, letzte Röcheln des kleinen, wilden Schweins erinnerte Giovanni, mehr im Unterbewussten, mehr aus dem Gefühl heraus, an den Entsetzenslaut, den sein Bruder einst im Fallen ausgestoßen hatte, ehe er mit zerschmetterten Knochen in der kühlen Gruft des Ozeans versunken war ...

 

„Der Rumpanscher von Padua“:

... Das Entsetzlichste war jedoch nicht, dass auf dem Boden, sogar auf den modernden Querbalken, Ratten umherhuschten, sondern dass eine riesige Bisamratte auf der linken Schulter des fetten Folterknechts Matteo saß, der sich vermutlich noch nie in seinem Leben gewaschen hatte, der nach Jauche stank, dessen missgebildetem Maul Verwesungsgeruch entströmte, mit dem er seine große Ratte zärtlich anhauchte, verwöhnte und liebkoste. "Du, meine kleine Donna Focosa."

War das der Vorhof zur Hölle? Von einem Haken am mittleren Stützpfeiler des Folterkellers holte Matteo einen Vogelkäfig. "Du musst mir sagen, wie und warum du die Hochzeitsgesellschaft Silvio Berloscus vergiften wolltest! Sag es! Sonst machst du Bekanntschaft mit meinem Vogelkäfig!"

Pietro schrie aus Leibeskräften: "Ich war es nicht! Ich war es nicht! Ich weiß nichts! Gnade!"

"Überleg es dir", stammelte Matteo vor sich hin, und dabei liefen einige schleimige Speicheltropfen auf Pietros entblößten Bauch. "Schau! Mein Vogelkäfig! Er ist unten offen, er hat keinen Boden,da fehlt das Drahtgitter! Dafür hat er ein schönes Zwischengitter auf der Hälfte seiner Höhe ...