LESEPROBE

... In öder Trostlosigkeit und landschaftlicher Faszination erscheinen außerirdische Landschaften als Traumbild - jetzt wissen wir, warum diese Lavaströme am Askjakrater den NASA-Mondfahrern als Übungsgelände dienten.

  Diese Wildnis fasziniert auf einzigartige Weise: durch die Totenstille, durch den Anblick der leeren Wüste, die Weite des Blicks, die allzeit sichtbare vulkanische Aktivität, durch die Schroffheit des unzugänglichen Kraters und die seltsame Kombination dreier Farben, die an kaum einem anderen Ort in solcher Reinheit anzutreffen sind - das Blau des Himmels, das blendende Weiß des Schnees in derAugustsonne, und das tiefe Schwarz erkalteter Lava.

  An dieser Stelle betrat Ina von Grumbkow die Askja, die Schachtel, und muss wie wir ehrfürchtig erstarrt am Rande des fünfzig Quadratkilometer großen Vulkankessels gestanden haben.Von hier aus sind noch keine Seen zu sehen, auch nicht der größte, der elf Quadratkilometer große Knebelsee.

  "Im Trab ging es über abschüssige Schneehalden, durch feuchten Bimsstein, hart vorbei an mit Schneewasser gefüllten, trichterähnlichen Löchern, über tiefe Rinnen, die das Tauwasser in den alten Schnee geschnitten hatte. Wie toll ging es vorwärts, jetzt schon im Kessel der Askja - dass uns Schnee, Wasser, Bimsstein um die Ohren flogen und das Auge blendeten. Wir wussten alle, dass das Ziel nahe war."

  Es ist auch unser Ziel. Doch was, so fragen wir uns, werden wir von dem, was Ina von Grumbkow beschrieb, noch im Krater vorfinden? Im Sommer 1908, als die Grumbkowexpedition die Askja erreicht, ist es schon unruhig. Die Magmakammer ist gefüllt bis zum Bersten, doch noch drei Jahre sollten bis zum nächsten Ausbruch vergehen. Der Pferdetross kommt im Kraterkessel schnell voran, da vorn, sagt Reck, da müssen die beiden Seen sein.

  "Schon erhebt sich vor unseren Blicken die 300 Meter hohe Südwand des Sees aus den Duftschleiern der Ferne, nur weiter, nur schneller vorwärts; und dann - unvergesslicher erster Eindruck: Der von der Sonne beschienene, silbern aufblinkende, große, türkisblaue Knebelsee, überraschend schön und großartig, leise atmend in der Abendbrise, wie das schlagende Herz der Dyngjufjöll, inmitten der stolzen Bergwände. Wie ein versunkenes Paradies ist dies alles, umschlossen von dem starken Bollwerk der Ódaðahraun, die für ewige Zeiten die Dyngjufjöll mit ihrem schwarzen, starren Lavameer meilenweit umbrandet.

  Ewig unerreichbar für die Welt draußen, für ihren Lärm und Unfrieden, für das Wägen und Feilschen der Menge in engen Häusern, für alle Disharmonie materieller Knechtschaft.

  Die Widerspiegelung des ewigen Schöpfergeistes, der alles vollkommen schuf, auf dass es vollkommen bleibe, ist hier noch nicht getrübt durch menschliche Zusätze. Hier ist alles rein wie aus des Schöpfers Hand, und die Jahrhunderte erhalten unverändert diese stolze Natur. Wie wenig Mittel braucht die Erde, um solche Wunderwerke zu schaffen - nichts als Himmel, Felsen, Wasser und das Feuer, das in ihrem Schoße schlummert.

  Aber welch ein lichtschimmernder Himmel, welche Felsen in allen Nuancen, vom tiefsten Braun bis zum leuchtendsten Rot und lichtem Gelb, und welch ein Wasser - wie gelöster Edelstein!"

  Elf Tage wollen Ina von Grumbkow, Hans Reck und Sigurður im Krater bleiben, um das Rätsel um Knebels Tod zu lösen und um sich geologischen Forschungen zu widmen. Die Pferde sind unruhig, sie fressen in aller Eile das mitgebrachte Gras, um dann sofort mit den zwei zusätzlichen Führern den Rückweg durch die Wüste anzutreten. Auch ihnen, den Führern, ist es nicht geheuer. Sie trinken keinen Schluck von dem Seewasser, es sei sicher durch die Solfataren vergiftet. Außerdem: Hier spuke es, also nichts wie weg, ja, bis später ...